Kulturlandschaft

Kulturlandschaft

Was verstehen wir unter Kulturlandschaft?

Der Graubündner Architekt Gion Caminada definiert Kulturlandschaft sehr allgemein als den „Raum, in dem Kultur entsteht und wirkt“ (G. Caminada, Cul zuffel e l’ auro dado, 2005). Damit wird nicht nur die Abgrenzung zur urwüchsigen Gegend vollzogen, sondern auch das menschliche Bestreben angesprochen, gleichzeitig mit der Nutzbarmachung von Land diesem auch seinen kulturellen Stempel, seine jeweiligen Vorstellungen von der sich untertan gemachten Erde aufzudrücken. Im Begriff Landschaft kommt dieser Anspruch zum Ausdruck.

Etwas exakter wird im Wörterbuch der allgemeinen Geographie (Braunschweig 1984) das Entstehen von Kulturlandschaft durch die dauerhafte Beeinflussung, insbesondere auch die wirtschaftliche und siedlungsmäßige Nutzung der ursprünglichen Naturlandschaft durch menschliche Gruppen und Gesellschaften im Rahmen der Ausübung ihrer Grunddaseinsfunktionen beschrieben. Ihre regional differenzierte Ausprägung ist nicht durch die Natur determiniert, wohl aber von ihr beeinflusst und zwar um so stärker, je geringer die technologische Entwicklung der die Kulturlandschaft gestaltenden Gruppe ist. Die Kulturlandschaft erhält ihre regionale Ausprägung insbesondere durch die Wohnfunktion (Art und Verteilung der menschlichen Siedlungen), die Art der wirtschaftlichen Tätigkeit (agrarische Landnutzung, Rohstoffgewinnung, Industrie und Gewerbe) und die Ausbildung des Verkehrsnetzes.

Die Raumplanung sieht in der Kulturlandschaft ein Spiegelbild des sich stetig wandelnden Mensch-Natur-Verhältnisses. Dieses Verhältnis drückt sich auch in den sich wandelnden Nutzungsansprüchen der menschlichen Gesellschaft an den Raum aus. Die Landnutzungen, die über den Menschen seit Jahrtausenden auf die Landschaft einwirken, sind gewissermaßen der Motor der Kulturlandschaftsgenese (Konold 1996). Unter Kulturlandschaft im geografischen Sinne ist der von Menschen nach ihren existenziellen, wirtschaftlichen und ästhetischen Bedürfnissen eingerichtete und angepasste Naturraum zu verstehen, der im Laufe der Zeit mit einer zunehmenden Dynamik entstanden ist und ständig verändert bzw. umgestaltet wurde und noch wird. Als Kulturlandschaften sind demnach auch in der Neuzeit gestaltete Industrie- und Ballungsräume zu betrachten (Burggraf 1996). Mit Ausnahme einiger Reste unberührter Naturlandschaften vor allem in den Hochlagen der Alpen wurde der gesamte Raum durch die Menschen geprägt. Aber auch die vermeintlich von Kultur unberührten Landschaften erfahren durch ihre Ausweisung als Schutzgebiete oder in ihrer Bedeutung zum Beispiel für den Tourismus zumindest eine kulturelle Bewertung (Marschall 2006). Der Erhalt und die Weiterentwicklung der Attraktivität und vielfältigen Funktionalität dieser Landschaft auch für nachfolgende Generationen sind zentrale Herausforderungen für die Raumentwicklung. Das „Management“ einer hoch beanspruchten Kulturlandschaft gehört zu den ureigensten Aufgaben der öffentlichen Hand, liegt aber auch in der Verantwortung einer jeden Gemeindebürgerin, eines jeden Gemeindebürgers (zit. aus: Dach+, Raumentwicklung im Grenzraum Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, 2008).

Am Beginn meiner persönlichen Beschäftigung mit dem Phänomen Kulturlandschaft stand der Auftrag des Bundesdenkmalamtes, eine Informationsbroschüre über das Vorsäß Schönenbach im Bregenzerwald zu verfassen, das anlässlich der Landeskonservatorentagung 1993 besucht werden sollte. Das Interesse hauptsächlich der ausländischen Gäste des Bundesdenkmalamtes an diesem Ensemble traditioneller Vorsäßhütten war derart groß, dass es mir wert schien, vor allem den visuellen Aspekten unserer Landschaft in Bezug auf das Eingebettetsein von Gebäuden in eine konkrete Umgebung näher auf den Grund zu gehen. Im Laufe der Jahre entwickelte sich daraus so etwas wie eine landschaftliche Zustandsbeschreibung für einzelne Gemeinden im Bregenzerwald, deren Bürgermeister sowohl vom kulturellen Wert ihrer Landschaft als auch deren Gefährdung überzeugt waren, und schließlich wurden daraus Bücher, die den Gemeindeverwaltungen ebenso wie der ortsansässigen Bevölkerung Hinweise liefern sollten, was in einer Zeit, in der Grund und Boden vorwiegend als „Ware“ angesehen wird, an kulturellen Werten auf dem Spiel steht. In diesem Sinne sind meine Kulturlandschaftsdokumentationen nicht so sehr für das Archiv bestimmte Dokumentaraufnahmen bestimmter Orte zu einer bestimmten Zeit, sondern lebendige (und im Rahmen der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatte durchaus auch wertende) Schilderungen des eingangs beschriebenen sich stetig wandelnden Mensch-Natur-Verhältnisses.